Essay
Zuckersteuer gegen Adipositas: Wenn Regulierung auf ein komplexes Gesundheitsproblem trifft
Adipositas ist längst nicht mehr nur eine Frage des individuellen Lebensstils, sondern eine der großen gesundheitspolitischen Herausforderungen der westlichen Gesellschaften. Besonders deutlich zeigt sich dies im Vereinigten Königreich: In England waren 2023/24 rund 64,5 % der Erwachsenen übergewichtig oder adipös; 26,5 % lebten mit Adipositas. Auch bei Kindern beginnt das Problem früh: Bereits 9,6 % der vier- bis fünfjährigen Kinder und 22,1 % der zehn- bis elfjährigen Kinder waren im Schuljahr 2023/24 adipös. Dabei ist die soziale Dimension erheblich: Kinder aus den am stärksten benachteiligten Regionen weisen mehr als doppelt so häufig Adipositas auf wie Kinder aus den am wenigsten benachteiligten Regionen.
Die gesundheitlichen Folgen reichen weit über das Körpergewicht hinaus. Adipositas erhöht unter anderem das Risiko für Typ-2-Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und bestimmte Krebserkrankungen. Nach aktuellen Schätzungen leben im Vereinigten Königreich inzwischen nahezu sechs Millionen Menschen mit Diabetes; etwa 90 % der diagnostizierten Fälle entfallen auf Typ-2-Diabetes. Die gesellschaftliche und ökonomische Belastung ist entsprechend erheblich: Allein die Behandlung von Adipositas und damit verbundener Erkrankungen kostet den NHS schätzungsweise rund £6,5 Milliarden pro Jahr. Für die weiter gefassten volkswirtschaftlichen Kosten von Übergewicht und Adipositas werden inzwischen deutlich höhere Beträge veranschlagt.
Angesichts dieser Entwicklung stellt sich zwangsläufig die Frage nach den Ursachen – und damit auch nach der Verantwortung. In der gesundheitspolitischen Debatte ist dabei zunehmend die Lebensmittel- und Getränkeindustrie in den Fokus gerückt. Die Argumentation ist zunächst plausibel: Die Industrie gestaltet einen erheblichen Teil der Lebensmittelumgebung, bestimmt Rezepturen, Portionsgrößen und Produktangebote und beeinflusst damit unmittelbar die Verfügbarkeit und Zusammensetzung der konsumierten Lebensmittel. Gleichzeitig besitzt die Branche eine erhebliche wirtschaftliche Bedeutung. Die britische Food-and-Drink-Industrie ist der größte industrielle Produktionssektor des Landes. Die Lebensmittel- und Getränkeherstellung erwirtschaftet inzwischen rund £37 Milliarden Gross Value Added, erzielt einen Umsatz von fast £148 Milliarden und beschäftigt annähernd 500.000 Menschen direkt; entlang der gesamten Lebensmittel-Wertschöpfungskette werden mehr als vier Millionen Arbeitsplätze unterstützt.
Vor diesem Hintergrund erscheint die Regulierung von Produkten mit hohem Zuckeranteil als politisch attraktiver Ansatz: Sie adressiert nicht unmittelbar das individuelle Verhalten, sondern verändert die ökonomischen Anreize der Hersteller. Genau diesem Prinzip folgte das Vereinigte Königreich mit der 2016 angekündigten und im April 2018 eingeführten Soft Drinks Industry Levy. Die sogenannte „Sugar Tax“ wurde ausdrücklich nicht als klassische Konsumsteuer konzipiert. Vielmehr sollten Hersteller und Importeure durch eine gestaffelte Abgabe dazu bewegt werden, zuckerhaltige Getränke zu reformulieren, Portionsgrößen zu reduzieren und Verbraucher zu zuckerärmeren Alternativen zu bewegen.
Die Wahl der Getränkeindustrie war dabei keineswegs zufällig. Die britische Regierung argumentierte bereits 2016, dass zuckergesüßte Getränke insbesondere bei Kindern und Jugendlichen eine relevante Quelle für freien Zucker darstellten und gleichzeitig vergleichsweise einfach reformuliert werden könnten. Eine einzelne 330-ml-Dose eines zuckerhaltigen Softdrinks konnte damals bereits rund 35 g Zucker enthalten. Die politische Logik war daher bestechend einfach: Wenn sich der Zuckergehalt der Produkte reduzieren lässt, ohne dass Verbraucher ihr Verhalten grundlegend ändern müssen, könnte Regulierung einen breiten Bevölkerungseffekt erzielen.
Damit war die britische Soft Drinks Industry Levy ein bemerkenswertes gesundheitspolitisches Experiment. Und tatsächlich zeigt die inzwischen umfangreiche wissenschaftliche Literatur einen deutlichen Effekt auf die Produkte selbst: Der Zuckergehalt von Softdrinks wurde erheblich reduziert. Doch damit stellt sich die entscheidende Frage: Ist weniger Zucker in Getränken tatsächlich gleichbedeutend mit weniger Adipositas, weniger Diabetes und besseren gesundheitlichen Outcomes in der Bevölkerung?
Genau an diesem Punkt beginnt die eigentliche wissenschaftliche Debatte. Denn zwischen einer Veränderung der Produktrezeptur, einem veränderten Konsumverhalten und einem messbaren klinischen Nutzen liegen mehrere kausale Zwischenschritte. Während die Effekte der britischen Levy auf die Zusammensetzung der Produkte vergleichsweise gut dokumentiert sind, ist die Frage nach ihrem tatsächlichen Einfluss auf Körpergewicht, Adipositas und langfristige Morbidität wesentlich schwieriger zu beantworten. Die britische Erfahrung bietet damit nicht nur ein Beispiel für erfolgreiche Regulierung – sondern auch die Möglichkeit zu untersuchen, wie aus einem messbaren regulatorischen Erfolg möglicherweise vorschnell ein gesundheitspolitischer Erfolg abgeleitet wird.
Entwurfsstand: Quellenangaben werden vor einer öffentlichen Veröffentlichung ergänzt und verlinkt.